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Karibu Kenia
Sieben Zwerge vom Organisationskomitee des Sozial- und Umweltforums Ostschweiz (SUFO) reisten im Januar ans Weltsozialforum (20. bis 25. Januar 2007), um zu schauen, was der „Big Brother“ so macht.
Mij wa Furaha
Mit myclimate-Tickets flogen wir über Doha (Formel1-Fans und FreihandelsexpertInnen wissen, wo das ist) ins so andersartige, warme Kenia. Am Flughafen Kenyatta erwartete uns eine Menge von Leuten, die Unterkunft oder Transport anbieten wollten. Eigentlich hatte der Chef unserer Unterkunft Mij wa Furaha (Dorf der Freude) ja versprochen, uns abzuholen. Doch auch vieles Umengetelefoniere nützte nichts, wir mussten ein Taxi nehmen. Auf der Fahrt durch die Aussenviertel von Nairobi gab es viel zu sehen: Strassen, gesäumt von farbigen Werkstätten, in denen Polstersessel, Bettgestelle, Rasenmäher oder Autos verkauft werden, und Menschen, die Dinge anpreisen oder einfach unterwegs sind.
In der Unterkunft angekommen versuchten wir verzweifelt, unser Nachtlager zu bekommen. Der Chef trudelte erst ein, als wir schon mit vielen Einheimischen Freundschaft geschlossen hatten und im Dunkeln unter den hohen Bäumen sassen.
Nachdem wir uns anfangs noch am Brunnen waschen und aufs Plumpsklo gehen mussten (woran man sich aber schnell gewöhnte), waren am zweiten Tag die sanitären Anlagen für uns und die Gäste aus Italien und Frankreich fertig gestellt. Mit diesen und vielen Einheimischen verbrachten wir die Abende oft mit Feiern, Reden, Singen und Tanzen.
Das World Social Forum
Am ersten Tag des Forums gelangten wir mit einem Matatu (tolles, farbiges, musikalisches und echt einheimisches Gefährt) in die Innenstadt. Im Uhuru-Park, wo die opening ceremony stattfand, setzten wir uns unter einen Schatten spendenden Baum und beobachteten das Geschehen. Immer mehr Menschen aus aller Welt kamen auf dem Gelände an. Laute Musik erschallte und kräftige Stimmen forderten eine bessere Welt, ein freies Afrika, menschenwürdige Arbeit oder Gleichberechtigung.
Irgendwann machten wir uns auf die Suche nach den Teilnehmer-Kärtchen und dazugehörigen Chrälleli-Ketten. Das brauchte so viel Zeit, dass wir erst um fünf Uhr abends zum Mittagessen kamen. Dafür war es meega fein und typisch kenianisch: Ugali (Maismus), Chapati (unübertreffliches Fladenbrot), Fleisch, Gemüse und Pili-Pili (scharfe Sauce).
Die folgenden WSF-Tage verbrachten wir auf dem Gelände des Moi International Sports Centre, wo ein Grossteil der Veranstaltungen stattfand. Ausgehend vom Gate 19, das unser stetiger Treffpunkt wurde, besuchten wir einige der insgesamt über tausend activities: In einem Workshop erzählten Frauen aus Südafrika, wie sie in ihrem Land das Thema HIV/Aids zur Sprache bringen und konkrete Forderungen bei der Regierung durchsetzen. In einem anderen diskutierten wir in einer Gruppe darüber, wie man Jugendliche für soziale und ökologische Themen sensibilisieren könnte. Ein junger Franzose betrachtete gemeinsam mit einem Mann aus Guinea die europäische Entwicklungs-zusammenarbeit aus einem kritischen Blickwinkel, eine Deutsche und ein Engländer suchten mit Interessierten Ideen für den kommenden GlobalClimateCampaign-Tag. Auch der Konflikt zwischen den arabischen Ländern und Israel und Amerika kamen oft zur Sprache.
Wer genug vom Diskutieren und Zuhören hatte, schlenderte an den vielen Info- und Verkaufsständen vorbei, die das Stadion umgaben. Das warme Wetter, die kleinen Demonstrationen und Gesangs- und Tanzdarbietungen liessen eine Art Openair-Stimmung aufkommen.
Am 24. Januar fanden Versammlungen statt, an denen man konkrete Pläne und Forderungen zu einzelnen Themen und Bewegungen (zum Beispiel Arbeiter, Grüne, regionale Sozialforen) ausarbeiten sollte. Die Zeit war knapp und die Diskussionen liefen teilweise aus dem Ruder. Man diskutierte mehr über Verfahrensfragen als über die Zukunft und praktikable Ideen.
Als sich um 17 Uhr die einzelnen Versammlungen zum grossen Plenum einfanden, verlasen die Organisatoren zu Beginn die allgemeine, für die Öffentlichkeit bestimmte Resolution. Danach gab es die Möglichkeit für alle, zusätzliche Anliegen einzubringen. Diese Zusatzanträge nahmen zwei Stunden in Anspruch. Das Zelt leerte sich und man kam nicht mehr zu den konkreten Forderungen, die während der Versammlungen entstanden waren. Der Widerspruch zwischen basisdemokratischen Idealen und dem Anspruch, gemeinsam eine andere Welt zu gestalten, wurde wieder spürbar. Diese Frage nach der globalen Wirksamkeit des Weltsozialforums prägt die Bewegung von Anfang an und wurde auch in Nairobi nicht beantwortet.
Nach dieser anstrengenden Zusammenkunft, die wir bis zum Schluss anhörten, umrundeten wir bei Einbruch der Nacht ein letztes Mal das Stadion. Denn als am 25. Januar die ending ceremony mit dem Marsch durch den berühmten Slum Korogocho stattfand, war unsere kleine Gruppe schon unterwegs aufs Land.
Safari mit dem Missions-Auto
In einem kleinen Matatu fuhren wir gen Norden in die Kleinstadt Nanyuki und weiter nach Doldol. Nach dem städtischen Trubel und viel aufmerksamem Zuhören am WSF war die Zeit im grünen, fresh-airigen und ruhigen Dorf sehr entspannend. Der Schweizer Priester Albert Fuchs, den wir dort für drei Tage besuchten, zeigte uns bei Sonnenuntergang von einem Felsen aus das Dorf und die umliegenden weiten Ebenen. Er erzählte von den Traditionen der Maasai und von Elefanten, die im Garten Bäume zerstörten. Auf diesen Felsen zogen wir uns noch öfter zurück, um in der lebendigen Weite die vielschichtigen Erfahrungen zu verarbeiten und uns vom Wind durchpusten zu lassen.
An zwei Tagen nahm uns ein polnischer Priester im Jeep mit auf seine Missions-Touren. Über holprige Strassen fuhren wir mehrere Stunden durch die Wildnis, die grösstenteils Privatbesitz von reichen Amerikanern ist. Unterwegs zu boarding schools und Dörfern sahen wir Gazellen, Wasserbüffel, Elefanten, wunderliche Vögel, Hippos, Zebras, Affen und Giraffen – fast wie auf einer gewöhnlichen Safari.
Wo wir auch ausstiegen, wurden wir von den Einheimischen freundlich begrüsst und von Kindern umringt, die mit uns spielen, uns anfassen und fotografiert werden wollten. Aber wir hörten auch Klagen über Probleme, mit denen die Leute zu kämpfen haben: zunehmende Trockenheit, Streit mit den privaten Landbesitzern, Krankheiten und mangelhafter Zugang zu Bildung und Ausbildung erschweren das Leben der Menschen.
In Doldol hatten wir die Möglichkeit, mit dem Leiter einer kleinen dorfeigenen NGO zu sprechen. Diese unterstützt Mädchen, indem sie ihnen eine höhere Schulbildung finanziert. Ausserdem engagieren sich die Organisations-Mitglieder gegen Zwangsheirat, Beschneidung und andere umstrittenen Traditionen der Maasai.
Besuch bei Angelo
Back in Nairobi hatten wir noch einen halben Tag Zeit. Angelo, ein Kenianer, der während dem Forum in Mij wa Furaha gewohnt hatte, lud uns zu sich nach Hause ein. Wir fuhren ein letztes Mal mit dem Matatu in die Innenstadt und von dort weiter in seinen Stadtteil. Angelo, seine Mutter, seine Geschwister und Nichten und Neffen wohnen alle gemeinsam in einem winzigen Raum mit drei Betten. Es berührte uns sehr, wie gastfreundlich die Familie trotz ihrer knappen Mittel mit uns umging. Die Kinder kauften Toast, Cola und Sprite für uns ein und man hätte sogar noch für uns zu Mittag gekocht, wenn unsere Zeit in Nairobi nicht abgelaufen wäre.
Als wir im Flugzeug sassen, begann es zu regnen. Weinte Kenia, weil wir es verliessen? Wir weinen, weil uns das Land mit seiner Wärme, Offenheit, Farbenfreude und Gemütlichkeit hier in der Schweiz so fehlt!
Das Sozial- und Umweltforum Ostschweiz (SUFO) findet am 4. und 5. Mai 2007 zum dritten Mal in St. Gallen statt. Es beginnt am Freitagabend mit einer Podiumsdiskussion. Am Samstag finden tagsüber Workshops statt. Nach einer farbenfrohen Demo durch die Innenstadt gibt es ein Strassenfest, an dem unter anderem mono&nikitaman spielen werden.
Alle Menschen, Zwerge, Elefanten, Blumen, Kuscheltiere und Klappstühle, die sich in irgendeiner Form für ökologische oder soziale Themen interessieren, sind eingeladen!
Wattwil, 3. Februar 2007
Pia Fehle
-> Fotos der Reise
-> Pressespiegel: SUFO am WSF
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